Die Stadtwerke Görlitz haben seit 1997 sisNET, das raumbezogene Leitungs- Informations- und Dokumentationssystem der RIS-Projektgesellschaft mbH im Einsatz. Ziel ist es für alle Sparten (Abwasser, Wasser, Gas, Fernwärme, Straßenbeleuchtung und Strom) die entsprechenden Daten zu verwalten. Bis heute ist die Erfassung und Digitalisierung der Daten für die Sparten Abwasser und zum Teil für Wasser erfolgreich abgeschlossen.

In den neuen Bundesländern ist einiges anders, und manchmal ist es sogar besser. Peter Starre, Sachgebietsleiter Dokumentation und Vermessung, weiß das. Ihm ist es gelungen, aus der Historie, den vorhandenen Mitteln und Gegebenheiten der Stadt Görlitz die optimale und individuelle Lösung für sein Unternehmen aufzubauen. Heute kennt er den Weg, den er bis zur Erreichung des Gesamtziels mit seinen Mitarbeitern zu gehen hat, denn die Basis hierzu ist gelegt und in der Praxis erprobt.

Ausbaufähige Basis vorhanden

Auch die Stadtwerke Görlitz sind in Etappen durch die Umstrukturierungen der Versorgungswirtschaft in den neuen Bundesländern entstanden. Bereits 1991 begann die WAB Dresden GmbH ,Bereichsdirektion Görlitz (ehemaliges überregionales Unternehmen der Wasserversorgungs- und Abwasserbehandlung) fundiertes Know-How für die Sparten Wasser und Abwasser aufzubauen. Durch die Übernahme der WAB im Jahre 1993 ging auch des angeschaffte SICAD-System (Siemens, WS 2000) in den Besitz der Stadtwerke über. Mit diesem System sollte eine Leitungs-Dokumentation ausschließlich für Wasser und Abwasser aufgebaut werden. Unter großen Schwierigkeiten erfaßten ein Mitarbeiter die ersten Daten. Um nicht durch die flutartige Bautätigkeit in und um Görlitz unterzugehen, waren die Stadtwerke gezwungen das vorhandene und entstehende Datenmaterial zu computerisieren, um es schneller, sicherer, vielfältiger und kundenfreundlicher anzuwenden. Verwaltungstechnisch war man gerade noch in der Lage, das konventionelle Kartenwesen aufrecht zu erhalten. Grundgedanke der Ingenieure war es, die jeweiligen sieben bis acht Karten pro Sparte, in nur einer digitalen Karte zusammenzufassen. Peter Starre, Sachgebietsleiter Dokumentation und Vermessung, bestätigt: “ Wir haben aufgrund unserer Historie hervorragendes Kartenmaterial, jedoch aus unterschiedlichen Jahren und mit unterschiedlichen Maßstäben. Unser Basismaterial ist wohl einmalig in Deutschland“ meint er und fügt hinzu: “ Das ist das Erbe unserer sehr reichen Großväter. Dazu kommen erhebliche Vorteile durch die ostdeutsche Kartographie aus der Zeit der DDR“.

Allein aus der Gründerzeit sind 400 handgezeichnete mehrfarbige Kanalpläne vorhanden sowie sehr gute Karten aus der DDR-Zeit. Alle Leitungspläne der großen Neubaugebiete seit 1970 sind im Maßstab 1:250 und mit allen Höhenangaben vorhanden. Noch existieren zweifarbige Kanal- und Stutzenpläne aus den Jahren 1897 bis 1912, in denen jeder Stutzen eingetragen ist. Von jedem Schacht sind Längstschnitte und Höhen vorhanden. Auch liegt lückenloses Kartenmaterial aus den Jahren 1900 bis 1930 vor, in denen sämtliche Deckel mit Höhen versehen sind. Zeichnerisch einfachere Karten, aus den Jahren 1949 bis 1970, sind vollständig über den gesamten Leitungsbestand vorhanden. Ähnlich gut ist der Kartenbestand in der Trinkwasserversorgung.

Seit Mitte 1995 bestand die Möglichkeit flächendeckend auf die digitalisierte Stadtgrundkarte der Stadtverwaltung Görlitz zurückgreifen zu können. Ab diesem Zeitpunkt entfiel die Notwendigkeit Teile der Stadtgrundkarte als Voraussetzung für die Medienbestandserfassung selbst digitalisieren zu müssen.

Peter Starre faßt zusammen: „Durch die Digitalisierung unserer Karten und Daten werden wir nur eine Karte haben, die zwar nicht unbedingt genauer ist, aber durch den Rechner schneller und umfassender nutzbar ist“. Die Fachleute der Stadtwerke Görlitz erkannten sehr schnell, daß auch für die sonstigen Sparten ein großer Bedarf für ein Informations- und Dokumentationssystem vorhanden ist. Als mittlere Stadt verfügt die Stadt Görlitz über folgende gut ausgebaute Leitungsnetzwerke:
Eindeutig hat der Strom mit 412 km das größte Netzwerk. Wasser hat ca. 300 km, Gas 241 km, Straßenbeleuchtung 72 km, Fernwärme 23,8 km und Abwasser beinhaltet ein Netzwerk von 270 km.

Klare Anforderungen an ein Geo-Informations-System

Aufgrund der bis dahin gemachten Erfahrungen ließ sich das Gesamtziel klar definieren: Aufbau eines umfassenden, raumbezogenen Leitungs-Dokumentations- und -informationssystems für die Sparten Abwasser, Wasser, Gas, Fernwärme, Straßenbeleuchtung und Strom. Ein neues System sollte durch möglichst weitreichende Standardisierung und Offenheit, wie ein universeller Werkzeugkasten anzuwenden sein. Außerdem leicht erlernbar und unkompliziert anzuwenden. Über Standard- Schnittstellen mußte Fremdsoftware integrierbar sein.

Entscheidung für sisNET

Nach einigen Demos und intensiven Gesprächen entschieden sich die Stadtwerke Görlitz 1997 für sisNET, das standardisierte Informations- und Dokumentationssystem für Leitungsnetze der RIS-Projektgesellschaft mbH. sisNET bekam den Zuschlag, da das System die oben beschriebenen Anforderungen umfassend erfüllte. Weitere Argumente der Entscheidung für sisNET waren die Lauffähigkeit unter Windows NT und damit die Anbindung der zahlreichen vertrauten Anwendungen in den betroffenen Fachabteilungen. Außerdem überzeugten die Vielzahl der standardisierten, offenen System- Elemente (u.a. Oracle-Datenbank) und die einfache Handhabung von sisNET. Z.B. war das Problem der einfachen Erzeugung blattschnittsfreier Plotts und deren Einbindung in normale Windows-Textprogramme überzeugt gelöst.

Mit Abwasser begonnen

Wie sah die optimale Vorgehensweise aus? Die Stadtwerke Görlitz entschieden sich, mit dem „Leichten“ zu beginnen. Aufgrund der Historie und des Know-Hows der Mitarbeiter begann man mit der Sparte Abwasser. Ein weiteres Argument war das vorhandene exzellente und flächendeckende Kartenmaterial mit hoher Lagegenauigkeit. Bis zu diesen Zeitpunkt (1991 – 1997) waren mit dem alten System ca. 1/3 des Bestandes erfaßt.

Für Peter Starre war die Analyse und die Vorbereitung des Datenbestandes für die Erfassung und die Anlage einer unternehmensspezifischen Benutzer-Oberfläche ein sehr wichtiger Schritt. Außerdem entstand Klarheit über das konzeptionelle Vorgehen.
Für die Sparten Abwasser, Trinkwasser und Fernwärme schrieb er aus der sisNET-System-Dokumentation eine für den Fachingenieur und für den Meister einfach lesbare Fachdokumentation. Ordnungs-Attribute wurden nochmals erfaßt nach Klasse, Objekt, Attribute und entsprechenden Wertetabellen. Fachingenieure konnten damit arbeiten, ohne EDV-Kenntnisse zu haben. Sie ergänzten und veränderten nach ihren Erfordernissen die Wertetabellen. Nach dieser Überarbeitung implementierten RIS und GEF (GEF ist der Systempartner der RIS) alle Daten in die ursprüngliche sisNET Version. Die Fachingenieure der Stadtwerke prüften und testeten das Ergebnis auf Herz und Nieren und gaben es frei. Peter Starre faßt seine Erfahrung zusammen: „So haben wir einen für uns sinnvollen Weg beim Systemaufbau gefunden. Dieser Weg ist nicht nur ein Modell, sondern auch eine Strategie, die durch Offenheit und Standards des Systems viele Möglichkeiten bietet. Wir überwanden die Sprachlosigkeit zwischen den Fachleuten und den DV-Leuten. Besonders wichtig war uns: Die Ingenieure und Meister hatten die Möglichkeit, ihre Praxiserfahrung einzubringen“.

Die Erfassung, Grundstein eines leistungsfähigen Systems

Durch die bisherige Erfassung und die vorbereitenden Arbeiten in den vorangegangenen Jahren wußten die Görlitzer genau, was auf sie zukam. Aus Erfahrung klug und ermutigt durch die Einfachheit des sisNET-Systems wurde eine Erfassung der Bestandsdaten ausgeschrieben, bei der die speziellen Bedingungen der Stadtwerke zu berücksichtigen waren. Die gesamte Erfassung erfolgte nicht extern, sondern direkt am System im Hause der Stadtwerke. Ausschlaggebend für dieses Vorgehen waren:

  • Karten sollten nicht außer Haus gehen sondern stets verfügbar sein.
  • Externen Erfassern wurde die Möglichkeit gegeben, bei Bedarf Rückgriff auf die Betriebserfahrung der Mitarbeiter zu nehmen, gleichzeitig wurde der Ablauf der konventionellen Bestandsbearbeitung nicht behindert.
  • Es sollte vermieden werden, daß bei einer externen Datenerfassung Konvertierungs- oder Numerierungsprobleme auftreten.
  • Ortsansässige Unternehmen, die nicht in der Lage waren zur Erfassung die Investitionen für sisNET zu tätigen, konnten sich an der Ausschreibung beteiligen.

Jedes zu erfassende Element versah der Dienstleister mit einem Preis. Aufsetzend auf die Ausschreibungs-Ergebnisse schrieb die GEF ein Zählprogramm, in das die Jobs eingegeben wurden. Das erleichterte die Abrechnung erheblich. Ein Auswertungsprogramm trennte genau nach Entwässerungsarten, Schmutzwasser, Regenwasser, den einzelnen Objekten, Stückpreisen und den Preis für jeden Job. Innerhalb weniger Monate waren die Daten erfaßt und digitalisiert.

Erfaßte Daten kombinieren die Stadtwerke mit den Höhen aus dem Altbestand und mit der Lage aus der digitalen Stadtgrundkarte der Stadt Görlitz, ergänzt durch die relevanten technischen Angaben. Benötigte Fremddaten übernimmt man als DXF-Files. Diese werden unter Microstation an die richtige Stelle abgelegt. Sie lassen sich bei dieser Methode einfach nachdigitalisieren. Durch diese Nachdigitalisierung wird der Datenbestand nach dem Prinzip aufgebaut: Von der Graphik zur Datenbank.

Zur künftigen Erfassung der weiteren Sparten und zur Übernahme von Fremddaten erarbeiteten die Stadtwerke Görlitz ein einfaches Verfahren. Da besonders Altbestände ein Problem sein können, läßt man sich bei Messungen nach 1995 DXF-Files übergeben. Ein Merkblatt mit Weisung zur Übergabe von Plänen regelt das. Dieses Merkblatt wird bei der Vergabe von Fremdaufträgen in den Vertrag eingebunden. Hier ist vorgegeben: Wie hat der Plan auszusehen, Übergabe und Format der Disketten und das Zulassungsverfahren für Vermessungsbüros. Vermessen können nur Büros, die eine entsprechende Zulassung der Stadtwerke haben. Erforderlich für die Zulassung ist eine Probevermessung im Stadtgebiet Görlitz, geschrieben im DXF-Format. Sind die Files für die Stadtwerke lesbar, ist die Zulassung erteilt.

Als Sachgebietsleiter Dokumentation und Vermessung der Stadtwerke Görlitz ist Peter Starre dem Bereichsleiter „Zentrale Dienste“ unterstellt. Dieser Bereich ist für den Gesamtkomplex verantwortlich. Drei Sachgebiete umfaßt dieser Bereich:

  1. Dokumentation und Vermessung ( mit einem konventionellem Zeichenbüro für die Sparten Abwasser, Trinkwasser und Fernwärme, Kartenvervielfältigung, Bearbeitung und Verwaltung sowie für das Unternehmens-Archiv)
  2. Zentrale Investitionsdurchführung
  3. Zentraler Energie- und Material-Einkauf einschließlich Management

sisNET, ein bewährtes System

In der Bewertung des Systems sind sich Management und Mitarbeiter der Stadtwerke Görlitz einig: sisNET hat die Erwartungen mehr als erfüllt. Peter Starre faßt seine bisherigen Erfahrungen zusammen: „Die drei Aspekte, die uns wichtig waren, wie Leitungs-Dokumentationssystem, Informations-System und leichte Integration von Fremdsoftware sind hervorragend abgedeckt. Durch die Offenheit und Verwendung von Standards läßt sisNET alle Möglichkeiten offen. Es hat sich als ein machbares, solides, leicht erlernbares und anwendbares Werkzeug für die Digitalisierung und Bearbeitung von graphischen Daten erwiesen. Wir sehen die Grenzen nicht im System, sondern vielmehr darin, alle Aspekte in einem Versorgungsunternehmen auszuschöpfen. Trotzdem muß man sich immer wieder die Frage stellen, was ist für mein Unternehmen sinnvoll und notwendig. Denn ein Versorgungsunternehmen ist kein High-Tech-Unternehmen“.

Die Ziele erreicht

Die bisherigen Ergebnisse liegen voll im Plan, da alle Teilziele sehr positiv erreicht wurden. Im Einsatz sind zwei Vollarbeitsplätze, die in den nächsten Wochen um zwei Auskunftsplätze, einer in der Kläranlage und einer im Hausanschlußwesen, erweitert werden. Parallel dazu ist von der DV-Abteilung ein Betriebsnetz aufgebaut worden, das die Grundlage für den dezentralen Einsatz von sisNET ist. Ein wichtiger Schritt – weg von der Plankammer, hin zur dezentralen Bereitstellung von Daten – ist dann getan.
Ende 1999 wird der Gesamtkomplex Abwasser abgeschlossen sein. Neben dem Leitungsnetz von ca. 270 km sind dann auch 7.000 Hausanschlüsse eingetragen. Für das laufende Jahr ist die Einführung von Erfassung und Digitalisierung für Wasser und Fernwärme geplant. Abwasser soll dann in die praktische Betriebsführung übernommen sein mit dem Ausbau u.a. der Kanalschadens-Statistik. Der Plan sieht vor, Mitte 2000 mit Wasser fertig zu sein. Vorerst zurückgestellt ist Gas und Strom, da Gas in den Händen einer Tochtergesellschaft der Stadtwerke Görlitz liegt und Strom eine größere Vorbereitung erfordert. Das Fernziel der Stadtwerke Görlitz bleibt die Erfassung und Verfügbarkeit der Daten aller Sparten wie Abwasser, Wasser, Gas, Fernwärme, Straßenbeleuchtung und Strom unter sisNET.

Peter Starre bringt es präzise auf den Punkt: „Für mich besteht die größte Faszination darin: In einer digitalen Karte sind alle Sparten enthalten“.

KD100

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